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Sexualität und Aggression

Sexualität und Aggression im allgemeinen

 

Sexualität und Aggression sind Primärtriebe. Sie schließen einander nicht aus und sind keine Gegensätze. Die Frage die sich in diesem Zusammenhang stellt ist vielmehr: gibt es das Eine ohne das Andere - also in Reinform gewissermaßen - oder ist es vielleicht so, daß im wesentlichen Aggression für das Überleben eines Einzelwesens von Bedeutung ist und die Sexualität das Überleben einer Gruppe sichert - sie also beide von existenzieller Bedeutung sind.

Die Psychologie definiert Aggression als „das Affektbedingte Angriffsverhalten des Menschen“, Konrad Lorenz und die frühe Psychoanalyse gingen davon aus, daß der Aggressionstrieb angeboren ist, (die These, daß Aggression angeboren sei, gilt heutzutage als überholt aber umstritten), während die Verhaltensforschung die Aggression als „alle Angriffshandlungen die gegen Rivalen gerichtet sind“ definiert. Im weiteren Sinne ist doch das Imponiergehabe bei der Suche nach einem Sexualpartner und sind Droh-, Angriffs- oder Verteidigungsrituale zum Erhalt oder zur Gewinnung von Territorien ebenso wie das Feststellen der Rangordnung in einer Gruppe, Bereiche in denen Aggression sinnvoll und unerlässlich zu sein scheint. Dies gilt für Säugetiere im speziellen, ist daher aber auch auf uns Menschen anwendbar.

 

Das menschliche Anhäufen und zur Schau stellen von Besitz ist ein offensiv aggressives Verhalten. Darauf reagieren die Mitglieder einer Gruppe mit (defensiv-)aggressivem Verhalten um ihren Status Quo zu erhalten. Offensiv aggressives Verhalten ist die glaubwürdige zur Schaustellung der Fähigkeit den Rang in der Gruppe, das Recht auf Paarung oder den Besitz eines Territoriums erfolgreich zu seinen Gunsten verändern zu können .

Diese Fähigkeit ist noch keine Drohung, bekommt aber durch die öffentliche zur Schau Stellung den Charakter einer Absichtserklärung - und wird daher als Bedrohung empfunden. Das dadurch ausgelöste defensiv aggressive Verhalten kann fälschlich als Aggression oder offensiv aggressiver Akt gedeutet werden, wenn man die auslösenden Faktoren nicht kennt oder erkennt, da beide das selbe Erscheinungsbild haben, sich also nur durch ihre Ursachen unterscheiden.

Derartige Verhaltensmuster sind ein wesentlicher Bestandteil menschlichen Zusammenlebens. Da die Existenz unserer Spezies von unserer Sexualität (daher auch von den mit ihr verknüpften und ausgelösten Aggressionen) abhängt, sind wir gezwungen, sowohl als Einzelindividuen wie auch in der Gruppe, Verhaltensmuster zu entwickeln, die es uns ermöglichen als sexuelle und aggressive Wesen - die wir nun einmal sind - friedlich zu koexistieren . Zitat: Sigmund Freud , " Das Unbehagen in der Kultur "Seite 136: " Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden." Um dies zu erreichen, ist die Erkenntnis, daß wir beides sind, sexuelle und aggressive Wesen, unbedingt notwendig. Verdrängen, ignorieren oder das uminterpretieren der Tatsachen führt zu einem Triebstau (darauf werde ich später noch ausführlich zurückkommen!).

 

Wird nun der freie Umgang mit sexuellen oder aggressiven Triebenergien - aus welchen Gründen auch immer - behindert oder gar ausgeschaltet, so führt dies unweigerlich zu unkontrollierbaren, weil zeitversetzten und transformierten Ausbrüchen des aufgestauten Potentials.

Wilhelm Reich beschreibt die menschliche Lehre von der Triebentwicklung in seinem Aufsatz: " Der masochistische Charakter " , 1932 wie folgt :  „Nach dieser Auffassung entsteht der Sadismus jeder Stufe durch Mischung der destruktiven Regung gegen die versagende Person mit dem entsprechenden sexuellen Anspruch :

 

1) Saugen - Versagung -> destruktive Regung – Beißen: oraler Sadismus;

2) anale Lust - Versagung -> Zerquetschen, Zertreten, Schlagen : analer Sadismus;

3) genitale Lust - Versagung -> Durchbohren, Durchstechen : phallischer Sadismus.

 

Diese Auffassung war in vollem Einklang mit der ursprünglichen Freudschen Formulierung, das zuerst die destruktive Regung gegen die Außenwelt ( häufigster Anlaß : Triebversagung ) sich entwickelt, die sich dann gegen das Selbst wendet, wenn sie ebenfalls durch Versagung und Angst vor Strafe gebremst wird , um so zur Selbstdestruktion zu werden. Sadismus wird durch Wendung gegen die eigene Person zum Masochismus, das Über - Ich ( Vertreter der versagenden Person bzw. der Forderungen der Gesellschaft im Ich ) wird zur strafenden Instanz gegenüber dem Ich (Gewissen). Das Schuldgefühl entspricht der destruktiven Regung, welche mit der Liebesstrebung in Konflikt gerät. „

 

Psychosomatische Erkrankungen, Depressionen, Schuldgefühle, Orgasmusschwierigkeiten, Potenzstörungen u.ä. sind die Folge, wenn die Betroffenen diese Energie gegen sich selbst richten. Analog dazu sind (körperliche) Gewalt, der Aufbau von Feindbildern - Mobbing, Antisemitismus, Rassismus, ... -  die Folge, wenn sich verdrängte Triebenergie nach außen richtet.

 

Diese beiden Erscheinungsformen stufe ich als defensiv aggressives Verhalten ein (sie gelten auch für Gruppen). Die sie verursachende offensive Aggression entsteht ist u.a.  die Codifizierung der Sexualität wie das Michel Foucault in seinem Essay „Folie et Déraison“ beschreibt: Organisationen wie die katholische Kirche hätten seiner Meinung nach nicht unterdrückt sondern codifiziert, d.h.: eingeteilt in richtig / statthaft / moralisch und falsch / unstatthaft / unmoralisch. Was wir heute als Krankhaft bezeichnen hätte früher das Etikett „Sünde“ getragen. Definitionen von abweichendem Verhalten (also abnormales Verhalten) sind nach Foucault kulturell konstruiert.

 

In diesem Zusammenhang ist das Ausüben von Macht ein offensiv aggressives Verhalten, beruht auf der Fähigkeit die Codifizierung von Sexualität und Aggression zu einer Wahrheit zu machen und besteht überall dort, wo sie von der Gruppe akzeptiert wird und nur so lange diese das tut, oder dazu imstande ist. Demzufolge geschieht Ohnmacht nur dem, der an die Macht (eines Anderen) glaubt.

Text zur Ausstellung: Erotische Bilder und Skulpturen,5.12 2008, ART-X, Graz


„Denn Alle Lust will tiefe, tiefe Ewigkeit - im Kunstwerk ist der höchste Augenblick der Zeit entrissen.“ Keine Erotik ohne Verführung - und keine Verführung ohne Erotik. Erotik ist das Spiel mit der Möglichkeit, dass der sinnlicheLeib mehr und Anderes weiß und will, als der Geist, die Vernunft und die Moral“ (Oscar Wilde schrieb: Sittlichkeit ist lediglich eine Haltung, die man gegenüber unsympathischen Menschen einnimmt). Die unmittelbare Sinnlichkeit des Erotischen kann überhaupt nur in der Kunst den ihrer Erotik gemäßen Ausdruck finden. Zudem wird immer ein Anflug von Scham und Angst beim erotischen Akt dabei sein, weil, wie es Sören Kirkegaard formulierte ( 1844 „Der Begriff Angst“): „ …weil der Geist auf dem Gipfelpunkt des Erotischen nicht dabei sein kann … wohl ist der Geist zugegen … aber er kann sich im Erotischen nicht ausdrücken, er fühlt sich fremd … er will sich verstecken - dies ist eben zugleich Angst und Scham…“. Die Faszination aller Kunst hat auch mit dieser Angstlust zu tun. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass „alle Lust tiefe, tiefe Ewigkeit will”, einerseits, weil die Lust den Geist erlöst indem sie sich ihm verweigert, andererseits, weil sie - die allerhöchste Lust – uns die Unverfügbarkeit der Zukunft ertragen lässt indem die Gegenwart, das hier und jetzt, durch sie andauert, solange wir auf diesem Gipfel sind. Nur die Erfahrung lustvoller Sinnlichkeit kann uns mit dem Unveränderbaren versöhnen.

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